Geschäfte in Rochwitz

Der allgemeinen Tendenz zur Konzentration des Einzelhandels folgend, gibt es heute, mit einer Ausnahme, keine Geschäfte mehr in Rochwitz.

Eine letzte kurze Scheinblüte erlebte der Einzelhandel Anfang der neunziger Jahre mit der DM-Einführung, als auf dem LPG-Gelände an der Ortsausfahrt nach Gönnsdorf der improvisierte "Kaufpark Rochwitz" enststand. Er umfasste einige Zelte und ehemalige Stallgebäude. Auf seinem Höhepunkt wurde er sogar von einer Buslinie angefahren. Heute zeugen auf dem brach liegenden Gelände nur noch einige Betonfundamente von dieser Episode.


Kaufpark Rochwitz 1990, Foto: Sammlung Karl Richter


Kaufpark Rochwitz, Abriss 1997, Foto: Sammlung Karl Richter

Aus heutiger Sicht muss man staunen, dass in Rochwitz bis in die achtziger Jahre eine Reihe von Geschäften für den täglichen Bedarf existierte, wie die nachfolgende Übersicht zeigt.

1915198920002022
Lebensmittelgeschäfte531-
Bäckereien4221
Fleischereien111-
Milchgeschäfte1---
Elektrogeschäfte11--
Poststellen21--
Kohlehändler21--
Friseure1---
Gärtnereien2---

Kolonialwarenladen Max Petzold

Das wohl bekannteste und am besten sortierte Lebensmittelgeschäft der Vorkriegszeit war der Kolonialwarenladen Max Petzold. Familie Petzold wohnte im Haus Altrochwitz 2, gegenüber der Schule. Im Erdgeschoss befand sich das Geschäft.


Geschäftshaus Petzold, um 1908, Postkarte aus dem Verlag Petzold, Sammlung Karl Richter

Das Geschäftshaus Petzold war ein Lebensmittelgeschäft, aber auch viele Dinge des täglichen Bedarfs wurden hier angeboten, wie z. B. Kurzwaren, Schreibwaren einschließlich Schulbedarf, Kleineisenwaren wie Nägel, Futtermittel, Sämereien, Farben, ebenso Zigarren – wie aus einem Bericht von Oberlehrer Schneider vom 18. Okt. 1901 hervorgeht:

Auf Grund einer mir gewordenen Mitteilung und der infolgedessen vorgenommenen Untersuchung hat sich herausgestellt, daß Ihr Sohn gestern bei Herrn Petzold auf den Namen des „Heinrich Schumann“ hier Zigarren geholt hat, die er dann mit seinem Bruder im Garten geraucht hat.

Familie Petzold hinterließ wertvolle Zeugnisse der Rochwitzer Geschichte. Herr Petzold war Hobbyfotograf. Zahlreiche private Aufnahmen und Postkarten aus dem „Verlag M. Petzold“ lassen uns am Rochwitzer Leben und an historischen Ereignissen der Jahre um den Zweiten Weltkrieg teilhaben.

Der Sohn Max jun., ein Lehrer, durfte als Kommunist in der Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr unterrichten. Er half während seines Berufsverbotes im Geschäft des Vaters aus und brachte seine Familie so durch die Wirren des Krieges. Illegal fotografierte er von seinem Balkon aus das militärische Geschehen vor dem Haus.


Heimlich aus dem Haus Petzold gemachte Aufnahmen von Militärfahrzeugen und einer Feldküche der Wehrmacht, um 1943


Die Wehrmacht war um 1943 in Rochwitz stationiert worden, um eine Flakstellung mit Baracken aufzubauen, die er ebenfalls im Bild festhielt. Die Soldaten wurden im Hof des Petzoldschen Anwesens aus einer Feldküche versorgt. Zeitweise waren im kleinen Saal des ehemaligen Gasthofs auch französische Kriegsgefangene und später in Wohnwagen russische untergebracht. Sie mussten beim Bau der Baracken helfen und im Winter Schnee von den Straßen schaufeln.

Nach Kriegsende, als in der Schule sowjetische Truppen stationiert waren, schrieb Frau Petzold folgende Erinnerung auf:
Im Laden hatte ich einen Dolmetscher aus der Bevölkerung, aber die Soldaten wollten mit „der Frau sprechen“, wenn ich auch nur wenige Brocken russisch sagen konnte. Es gab viel Spaß. Der Kommandant veranlasste, dass wir Kartoffeln für die Bevölkerung bekamen.

Nach dem Krieg wurde Max Petzold jun. Schulrat, während seine Familie den Laden weiterführte. In den fünfziger Jahren wurde das Geschäft in die Konsumgenossenschaft eingegliedert. Nach 1990 fand sich kein Betreiber mehr. Die Ladenräume wurden u.a. als Zahnarztpraxis genutzt, seit 2010 befindet sich darin eine Wohnung.




Konsumgeschäft (ehem. Petzold), Verkäuferinnen Frau Kempe, Inge Tellbrunn und Ella Stäglich, Foto: Sammlung Karl Richter

Konsumgeschäft als Wahllokal, Foto: Sammlung Karl Richter

Molkerei und Lebensmittel Michel

Marie Michel gründete um 1920 einen Handel unter dem Namen „Molkerei Michel“. Mit einem Handwagen und einem Hund im Gespann lieferten Marie Michel und ihre Schwägerin Minna Angermann täglich frische Milch in Oberrochwitz und Kamerun aus. Der erste Verkauf aus Milchkannen erfolgte in der Kegelbahn des Gasthauses „Kamerun“. Auch sonntags gab es frische Milch. Sie wurde mit Messbechern aus den großen Kannen in die kleineren der Kunden umgefüllt. 1936 wurde im Grundstück der Michels (Pappritzer Straße) ein kleiner Ladenanbau eröffnet. Zur gleichen Zeit stellte das Baugeschäft Hanke (heute Wohlrabe) auf seinem Grundstück für Frau Michel eine kleine Verkaufsbude zur Verfügung. Damit hörte für Frau Michel das „Nomadenleben“ auf. Man kam jetzt zu Michels in den Laden. Mit dem Ladenanbau auf der Pappritzer Straße wurde auch das Sortiment erweitert. Neben Molkereiprodukten wurden Waren des täglichen Bedarfs, Kartoffeln, Spirituosen und Waschmittel angeboten. Sohn Walter Michel, der 1936 ins Geschäft eintrat, schaftte einen dreirädrigen Lieferwagen Modell "Tempo" an. Damit war das Hundegespann außer Dienst gestellt. Der Laden auf der Pappritzer Straße existierte bis 1974.

Marie Michel (l.) und Schwägerin Minna Angermann; Walter Michel mit LieferwagenFotos: Sammlung Karl Richter


Fleischerei Haubold

Die Fleischerei Haubold befand sich ursprünglich in der Bühlauer Str. 1. Das Eckhaus Krügerstraße / Auf der Höhe mit Laden wurde vom Fleischer Haubold 1930 erbaut. Die ursprünglich über dem Ladengeschäft vorhandene Terrasse wurde später zu einem Wohnraum umgebaut. Der über der Ladentür angebrachte Ochsenkopf aus Keramik bildet noch heute einen markanten Blickfang. Fleischer Haubold führte das Geschäft ab 1930 und von 1945 bis ca. 1965 als Konsumverkaufsstelle. Danach übernahm Gerhard Loose das Geschäft und führte es bis 1990 weiter. Schwiegertochter Marita Loose betrieb die Fleischerei bis zur endgültigen Schließung im Jahr 2000.

Ludwig Godenschweg lebte von 1889 – 1942. Als junger Künstler kam er oft zur Fleischerei Haubold, um einzukaufen – jedoch fehlte ihm oftmals Geld und er ließ anschreiben. Als Mahnungen nichts fruchteten, bot er an, als Ausgleich einen Stierkopf zu gestalten. So kam das Geschäft zu seinem besonderen Erkennungszeichen. Nach Abschluss einer Steinmetzlehre studierte Ludwig Godenschweg an der Akademie der Künste in Dresden. Er wurde Bildhauer und Plastiker und Mitglied im Deutschen Künstlerbund. Godenschweg lebte im Pappritz, eine Tochter wohnt heute noch hier.


Fleischermeister Haubold (l.) fuhr mit dem Pferdefuhrwerk zum Schlachthof, um Fleisch einzukaufen

Bäckerei Ringel

Die Bäckerei ist heute das letzte in Rochwitz verbliebene Geschäft. Eröffnet wurde sie um 1900 vom Bäcker Paul Weber, der sie bis 1935 führte. Sein Nachfolger war Walter König, der 1968 die Bäckerei aufgab. Er wohnte noch zwei Jahre in der Wohnung über dem Laden – die Bäckerei allerdings blieb geschlossen, da der bauliche Zustand, vor allem des Ofens, desolat war. Es kam zu einem Versorgungsengpass. Die Kommunale Wohnungsverwaltung (KWV) ließ einen neuen Kohleofen setzen, um die Bäckerei wieder zum Leben zu erwecken. Die Wohnungskommission der KWV sprach dem Bäckermeister Ringel das Geschäft zu. Werner Ringel entstammt einer alten Bäckerfamilie, die in Loschwitz auf der Grundstrasse 22 ansässig war. Sein Großvater, Willi Tanner, hatte die Bäckerei von seinem Vater, Herrmann Tanner, übernommen. Die ausgezeichneten Qualität ihrer Backwaren hatte sich bis in höchste Kreise herumgesprochen. Zur Kundschaft gehörten die Königliche Familie im Sommersitz Wachwitz und andere illustre Kreise. So entsprach es der Familientradition, dass Werner Ringel im Café Winkler (heute Wippler) am Körnerplatz den Beruf eines Bäckers erlernte und 1962 seine Meisterprüfung ablegte. Die Tannersche Qualität setzte sich mit Werner Ringel fort. Die Familie Ringel war froh, am 17. 11. 1971 den Betrieb übernehmen zu können und begann bereits am 2. 12. 1971 mit der Stollenbäckerei.
Der strenge Winter 1976/77 ist vielen in Erinnerung geblieben. Bäckermeister Ringel hatte den Teig für Brot und Brötchen vorbereitet und konnte ihn zwar dank seines neuen Kohleofens backen, aber es gab keinen Strom, um den Teig zu kneten. Was tun? Tag und Nacht knetete er so den Teig für 100 Brote und 1000 Semmeln mit der Hand. Bei Kerzenschein kontrollierte er, ob die Semmeln fertig waren. Im Geschäft standen überall Kerzen - so konnte überhaupt verkauft werden.


Bäckermeister Ringel mit Helferinnen in der Stollenzeit
"Staffelstab"-Übergabe: links Werner Ringel mit Frau, rechts Stefan Reck mit Frau; Stefan und Kristin Reck in der Backstube
Mit dem Eintritt ins Rentenalter hatte Werner Ringel das Glück, in dem "frisch gebackenen“ Meister Stefan Reck am 31. 12. 2006 einen Nachfolger zu finden. Dieser führt das Geschäft in der bewährten Ringelschen Handwerkstradition weiter.

"Elektropost"

Von 1959 bis 1989 befand sich im Elektrogeschäft Hoffmann auf der Gönnsdorfer Straße 5 eine Poststelle. Frau Hoffmann erinnert sich:
Aufgrund des zahlreicher werdenden Kundenstroms wurden auch Geldgeschäfte abgewickelt. Die Anzahl der Päckchen und Pakete wuchs an manchen Tagen bis auf 600 Stück. Es war kaum noch Platz vorhanden. Da haben sogar die Kunden mitgeholfen, indem sie ihre Lampen selber auspackten bzw. abhingen oder das Postauto beluden. Es war allen selbstverständlich. Später wurde 2 x täglich abgeholt. Mittags kamen die „Fortschritt-Leute“ zum Einkaufen ins Dorf und wollten zunehmend mehr Schecks einlösen und Geld abheben. Liebevoll nannten sie ihr Geschäft „Elektropost“. Nachmittags um 17.00 Uhr wurden die eingereichten Schecks und das restliche Bargeld abgeholt, welches die Geschäfte (Michel, Konsum, Fleischer, Lebensmittel und der Kameruner Fleischer) eingezahlt hatten. Auf einem Fahrrad wurde der Geldbeutel auf den Gepäckträger geklemmt – nichts ging verloren. Erst im Jahr 1980 bekam das Geschäft einen Safe.

Eines Tages besuchte Frau Hoffmann nach Feierabend eine bekannte Familie in Kamerun. Plötzlich klopfte ein Polizist an die Tür: "Sie haben die Tür vom Geschäft nicht abgeschlossen". Nach dem Schreck ging es mit freundlicher Begleitung nach Hause.


Mit dem Rentenbeginn am 31. 12. 1989 schied Frau Hoffmann aus dem Berufsleben aus. Poststelle und Geschäft blieben geschlossen. Ein letztes Mal kam Frau Hoffmann noch mit ihrem Beruf in Berührung: Auf dem Postamt 54 zählte sie Unmengen von DDR-Geldscheinen, die für die Vernichtung in Säcke verpackt und verblombt werden mussten.
Heute erinnert nur noch ein Briefkasten an die Poststelle.

Weitere Geschäfte

In Oberrochwitz, Bühlauer Straße 1, befindet sich ein noch heute erkennbares Geschäft, das vor dem Zweiten Weltkrieg als Lebensmittel- und Kolonialwarenladen diente. Später befand sich darin ein Textilgeschäft, dessen Leiterin Frau Pietsch bis in die achtziger Jahre vielen Rochwitzern gut bekannt war. Sie versäumte es nie, nach Wareneingang persönlich alle Kunden zu informieren, die bei ihr Bestellungen aufgegeben hatten.
Lebensmittelgeschäft, Bühlauer Straße, um 1924; Kolonialwaren and Schuhreparatur, Bühlauer Straße, um 1930; Fotos: Sammlung Karl Richter

Um die Ecke, im Haus der Familie Thieme, Altrochwitz 5, befand sich ein Friseurgeschäft. Michael Thieme erinnert sich:
Das Friseurgeschäft Altrochwitz 5 geht auf Rudi Hempel (1915 - 1990) zurück, der 1934/35 mit Unterstützung seines Stiefvaters Emil Thieme (1896 - 1942) die Geschäftsräume in zwei der Straße zugewandten Zimmern im EG des Wohngebäudes einrichtete. Bedingt durch seinen Kriegsdienst, kam das Geschäft in andere Hände und war mit den Namen Vieweg, Groh, Bartusch und Dreißig verbunden. Letzterer kündigte das Mietverhältnis zum 10.08.1955, worauf mein Vater Hans Thieme (1922 - 2016) im Namen seiner Mutter Ida (1896 - 1974) als damaliger Hauseigentümerin den Antrag stellte, die betreffenden Räume in Wohnräume umwandeln zu dürfen. Dies erfolgte nicht nur wegen des dringenden eigenen Bedarfs, sondern auch im Blick auf die außerordentlich großen Abwassermengen, die zu einer Überlastung der bestehenden Sickergrube geführt hatten. Es entspann sich daraufhin ein langer, zäher Kampf mit den zuständigen städtischen Behörden, die an einer Fortführung der Geschäftstätigkeit interessiert waren (unter Fr. M. Sachse) und sogar die Einrichtung einer Sammelgrube ins Gespräch brachten. Am 31.01.1958 aber - nach 2 1/2 Jahren! - wurde dem wiederholten Ersuchen meines Vaters stattgegeben, sodass die beiden Räume nun zu den Wohnräumen für meine Großmutter wurden.


Friseurgeschäft Altrochwitz 5, 1937, Foto: M. Thieme



In Neurochwitz (Kamerun) wurde 1890 das Haus Wachbergstr. 4 fertiggestellt. Hier befand sich ein Geschäft für „Material-Waaren“, das von Richard Hempel bis 1920 geführt wurde. Um 1965 ging daraus eine Konsum-Verkaufsstelle hervor, die von 1989 bis 2007 unter dem Betreiber Steffen Kaboth als „Kaboths Nahverkauf“ betrieben wurde. Nach deren Schließung öffnete der Laden erneut unter Christian Rapp für ein Jahr. Anschließend wurde er zur Wohnung umgebaut.

"Material-Waaren" Wachbergstr. 4, 1890, Foto: Sammlung Karl Richter; Flugblatt Lebensmittelmarkt Rapp
Familie Hempel zog 1920 in das Haus Wachbergstraße 3 um und eröffnete einen Lebensmittel- und Gemischtwarenladen. Bei Richard Hempel konnten die Kameruner Kathreiners Malzkaffee, Palmin, Maggi oder Zigarren und Tabak erstehen. Aus dem Eckladen ging später der Konsum mit Obst- und Gemüseangebot hervor.


Lebensmittel- und Gemischtwaren Hempel, Wachbergstr. 3, 1920, Foto: Sammlung Karl Richter


Neurochwitz hatte einst sogar zwei Bäckereien. In dem schönen, heute unter Denkmalschutz stehenden Gebäude Valtenbergstraße 1, befand sich die Bäckerei Rumberger. Im heutigen Haus Zweibrüderweg 4 (ehemals Brüderstr.) betrieb Bäckermeister Forker das nach ihm benannte „Café Forker“. Das Haus wurde um 1900 von Gustav Pietzsch erbaut. Das Café bestand aus einer Backstube mit angeschlossenem Gastraum. Die Bäckerei wurde später von Bäckermeister Fiedler bis ca. 2003 weitergeführt.


Bäckerei Forker, Zweibrüderweg 4, Foto: Sammlung Karl Richter


Zusammengestellt von Marlis Behrisch und Rolf Gäbel



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