Sächsischer Jäger

Das ehemalige Gasthaus "Zum Jäger"

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In Oberrochwitz ging mit dem Abriss der Gaststätte „Zum sächsischen Jäger“ 2012 eine Epoche zu Ende.
1869, nach dem letzten großen Dorfbrand, blieben lediglich 8 Gebäude stehen, alle anderen mussten neu gebaut werden. Verschont blieb an der Südseite vom alten Dorfkern das als größter Dreiseithof bekannte Bauerngut von Paul Gierth, genannt „Das Gierthsche Gut“.
Am Schlussstein waren die Jahreszahl 1804 und die Initialen JK angebracht.
Vor dem Zweiten Weltkrieg fiel dieser Hof einer Insolvenz zum Opfer, kam in städtischen Besitz und wurde verpachtet. Er wurde deshalb „Stadtgut Rochwitz“ genannt
*.
Dieser Dreiseithof, ein sehr schöner Fachwerkbau, hat manchem Maler und Fotografen als Motiv gedient.

*Auf dem Gelände des Hofes  wurde am 1. Juli 1958 die LPG "Neues Leben" gegründet.
Stadtgut
Stadtgut oder "Gierthscher Hof"  Foto. Sammlung Karl Richter Weitere historische Fotos zum "Gierthschen Gut" im Fotoarchiv

Der Bruder Friedrich Wilhelm Gierth errichtete auf dem angrenzenden Grundstück ein Gebäude, in welchem eine Bäckerei (Betreiber Fam. Stumpe) und eine Restauration untergebracht waren. Er gab ihm den Namen „Zum sächsischen Jäger“. Weiterhin entstanden auf dem Gelände ein Parkplatz, Gesellschafts- und Vereinszimmer sowie ein großer Gästegarten mit Liegewiese.
"Zum sächsischen Jäger"
"Zum sächsischen Jäger" Foto: Sammlung Siedlerverein Oberrochwitz e.V.

Über die Entstehung des Namens „Zum sächsischen Jäger“ sind zwar keine schriftlichen Dokumente überliefert, doch Zeitzeugen berichteten:
„Auf dem heutigen Siedlungsgelände und den angrenzenden Bereichen wurden militärische Übungen und Manöver der sächsischen Jäger der königlichen Armee abgehalten. Diese Formation hielt auf den angrenzenden Streuobstwiesen und den abgeernteten Gierthschen Feldern ihre Herbstlager ab. Auch der letzte Sachsenkönig war gern in Rochwitz zur Niederwildjagd. Er soll in der Rochwitzer Milchtrinkhalle oder Milchkuranstalt – so wird erzählt – gern ein Glas frische Milch getrunken und deftige Kost zu sich genommen haben, um sich anschließend anderweitig zu vergnügen…”
Das alles hat wohl dazu beigetragen, die Restauration „Zum sächsischen Jäger“ zu nennen.

"Die alte Stadt"
Panoramabild „Die alte Stadt“ mit Plakat „Gruß aus ober Rochwitz!"
Sammlung: Siedlerverein Oberrochwitz e. V.
Zum angrenzenden Grundstück (ehemals Fam. Gössel) musste eine Sicht- und Lärmschutzwand gebaut werden. Diese Holzwand wurde, wie auf obigem Bild ersichtlich, kunstvoll bemalt und reichte bis an die Straße. Das Wandbild „Die alte Stadt“ wurde zu einer Attraktion, nicht nur des Gasthofes.
Der „Sächsische Jäger“ entwickelte sich zu einer beliebten Ausflugsgaststätte.
Hinter dem Gasthaus stand ein separates Gebäude, das Schlachthaus. Hier konnten auch die Rochwitzer Einwohner schlachten lassen.

"Zum Jäger"
"Rochwitzer Höhe vorm. Zum Sächs. Jäger" nach 1945 Foto: Sammlung Karl Richter

Um 1928 wurde das Gebäude aufgestockt und durch einen Anbau erweitert. Nach Angaben eines Zeitzeugen hat es wiederholt Namensänderungen gegeben: „Zum Sächsischen Jäger“, „Sächsischer Jäger“, „Sächsischer Reiter“ und nach dem Zweiten Weltkrieg „Rochwitzer Höhe“. Doch im Volksmund hieß die Gaststätte immer “Zum Jäger“.
"Zum sächsischen Jäger"
"Rochwitzer Höhe vorm. Zum Sächs. Jäger" nach 1945 Foto: Sammlung Karl Richter

Walter Bürger erinnert sich:
„Ein wunderschöner Jugendstil-Eisenzaun (der leider verschollen ist), umfriedete das Gelände. Gemütlich saß man unter den Rotdornbäumen. Zu Pfingsten wurden alle Tische festlich weiß eingedeckt und 6 Bedienungen hatten alle Hände voll zu tun. Von Baum zu Baum war eine elektrische Beleuchtung gespannt und verbreitete eine gemütliche Atmosphäre.”

Im letzten Kriegsjahr wurde im Gasthof eine feinmechanische Rüstungsabteilung eingerichtet. Hier waren vorwiegend Hausfrauen beschäftigt, die Sprengzünder herstellen mussten. Bald nach dem Krieg wurde die Gaststätte als „Rochwitzer Höhe“ wieder eröffnet. Folgende Namen von Wirtsleuten sind bekannt: Geide, Schöneiss, Zerwenka (vom „Steirischen Hof“), Frau Kreyling. 1958 übernahm die Familie Müller aus dem Erzgebirge die Gaststätte bis zu ihrem altersbedingtem Ausscheiden.
Da am Gebäude seit dem Umbau 1928 kaum etwas instand gesetzt worden war - die Wirtsleute waren nur Pächter - wurde es in den 60er Jahren dringend notwendig, Sanierungsmaßnahmen durchzuführen. Ab diesem Zeitpunkt ist am “Jäger“ baulich nichts mehr unternommen worden, mit der Folge, dass um 1986 der Küchentrakt wegen Hygienemängeln gesperrt werden musste. Das Objekt gelangte in den Besitz der VEB Agroanlagenbau von der Karpatenstraße, der es als Betriebskantine nutzen wollte.
Als Anbau am alten Gasthausgebäude wurde ein großzügig geplanter Küchentrakt errichtet. Vor der Fertigstellung erfolgte jedoch  die Abwicklung des Betriebes als Folge der Wiedervereinigung. Über 20 Jahre stand die Bauruine neben dem verwahrlosten Gebäude des "Sächsischen Jägers".  Im Jahr 2012 erfolgte der Abriss der gesamten Bebauung.
Auf dem Gelände des ehemaligen Giertschen Gutes und des „Jägers“ sollen nun Wohnhäuser entstehen. Pläne dazu wurden vom Architekturbüro Scholz erstellt.


Beitrag von Marlis Behrisch und Rolf Gäbel

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